24 Stunden ohne Smartphone & co: Was bleibt, wenn der Bildschirm schwarz bleibt?
In meinen Vorträgen erzähle ich gerne die Geschichte von Anna, einer fiktiven 36-jährigen Mutter, die ausprobiert, einen Tag lang ohne Smartphone auszukommen. Anhand der Situationen, die Anna dabei erlebt, reflektiere wir im Anschluss gemeinsam den eigenen Umgang mit dem Smartphone und den digitalen Medien.
Dabei wird oft deutlich, welchen Platz allen voran das Smartphone in unserem Leben einnimmt und wie vielseitig es unseren Alltag unterstützt: als Wecker, Kamera, Einkaufsliste usw. Gleichzeitig wird sichtbar, wie häufig wir ganz selbstverständlich oder aus Gewohnheit zum Smartphone greifen – manchmal auch, um uns abzulenken.
Nach einem meiner Vorträge wollte ich es dann irgendwann genauer wissen und selbst die Erfahrung machen 24 Stunden auf mein Smartphone zu verzichten. Gesagt, getan!
Die gute Nachricht vorweg: Die Welt ist nicht untergegangen. Niemand musste eine groß angelegte Suchaktion starten, und auch sonst ist erstaunlich wenig passiert. Die Welt hat sich auch ohne meine ständigen digitalen Check-ins weitergedreht. Die wirklich wichtigen Dinge ließen sich auch ohne Smartphone erledigen – und manches durfte einfach warten.
Aber wie fühlt es sich an, wenn der gewohnte Griff zum Smartphone plötzlich keine Option ist? Und was habe ich dabei über mich selbst gelernt? Der Tag ohne Smartphone hat mir dazu ein paar interessante Antworten geliefert, die ich folgend mit euch teilen möchte.
Beim Mittagessen: Bin ich eigentlich bei der Sache?
Mein Experiment fiel auf einen Homeoffice-Tag. Ich saß also allein beim Mittagessen. Wirklich allein – denn normalerweise würde ich währenddessen am Smartphone Nachrichten lesen, E-Mails checken oder schnell eine Nachricht beantworten.
Ohne diese gewohnte Möglichkeit, parallel etwas zu erledigen, konnte ich mich bewusster auf mein Essen konzentrieren. Mir fiel auf, wie gut es schmeckte. Gleichzeitig machte sich ein ungewohntes, unruhiges Gefühl breit. Nutzte ich meine Zeit gerade nicht optimal? Oder verpasste ich womöglich etwas?
Ich begann darüber nachzudenken, wie unterschiedlich ich meine Mahlzeiten sonst verbringe. Im Büro unterhalte ich mich mit Kolleg:innen, beim Abendessen mit meiner Familie tausche ich mich über den Tag aus. Und manchmal sitze ich einfach da und hänge meinen Gedanken nach. Warum fühlte es sich dann ungewohnt an, beim Mittagessen alleine einfach nur zu essen?
Vielleicht ist das eine kleine Erinnerung daran, wie gut es sein kann, einer Sache zwischendurch die volle Aufmerksamkeit zu schenken. Gerade in unserem schnelllebigen Alltag, in dem wir häufig mehrere Dinge gleichzeitig erledigen, muss nicht jede freie Minute genutzt werden, um noch schnell etwas zu lesen oder zu erledigen.
Am Spielplatz: Muss ich alles sofort wissen?
Am Nachmittag war ich mit meiner Tochter am Spielplatz. Wir sprachen über ein Lied, das sie gerne hören wollte. Normalerweise hätte ich vermutlich gleich zum Smartphone gegriffen, das Lied gesucht und abgespielt.
Diesmal ging das nicht. Also ließen wir es bleiben.
Das klingt nach einer Kleinigkeit. Aber genau das macht es spannend. Wir leben in einer Welt, in der Informationen fast jederzeit und überall verfügbar sind. Eine Frage taucht auf? Wir googeln oder fragen einen KI-Chatbot. Uns fällt ein Lied ein? Wir suchen es. Oft können wir unserem Wunsch, etwas herauszufinden oder anzuschauen, sofort nachgehen.
Diese Möglichkeiten sind praktisch, und ich möchte sie nicht missen. Aber muss ich wirklich alles sofort wissen? Oder darf eine Frage auch einmal offen bleiben, ein Lied ungehört und etwas einfach warten?
In diesem Moment war das Lied nicht entscheidend. Wir waren am Spielplatz, meine Tochter konnte spielen, und wir hatten Zeit miteinander. Nicht alles sofort herauszufinden, bedeutete auch, bei dem zu bleiben, was gerade da ist.
Am Abend: Muss ich immer auf dem Laufenden sein?
Abends sitze ich normalerweise gerne am Laptop, lese Nachrichten und recherchiere Dinge, die mich interessieren. Speziell Nachrichten sind bekannterweise meine digitale Achillesferse – darüber habe ich auch schon im Beitrag über meine Erfahrungen mit Digital-Detox-Apps geschrieben und wie ich mich mit deren Hilfe selbstregelmentiere.
An diesem Abend war der Laptop tabu. Hätte ich am Nachmittag dran gedacht, hätte ich mir eine Zeitung besorgen können. So musste schließlich mein Mann als Nachrichtenquelle herhalten und ich fragte ihn kurzerhand nach den wichtigsten Neuigkeiten des Tages, woraus sich ein nettes Gespräch entwickelte.
Aber es blieben paar Fragen offen und es war etwas ungewohnt nicht alles selbst gecheckt zu haben. Ich möchte wissen, was draußen passiert, und auf dem Laufenden bleiben. Aber was steckt eigentlich dahinter? Ist es einfach meine Neugier – oder auch das Gefühl, etwas Wichtiges zu verpassen, wenn ich nicht regelmäßig nachsehe?
Beim Einschlafen: Was passiert, wenn die Ablenkung fehlt?
Vor dem Einschlafen griff ich wieder einmal zu einem Buch – diesmal zu einem klassischen, gedruckten Buch. Da ich meine Bücher seit einigen Jahren auf dem Kindle lese, fühlte sich das tatsächlich doppelt ungewohnt an: echte Seiten umblättern und das Licht der Nachttischlampe.
Danach ließ ich den Tag Revue passieren. Ich dachte an die schönen Momente zurück und daran, was ich am nächsten Tag noch erledigen oder nachschauen wollte.
Gleichzeitig fiel mir das Einschlafen schwerer als sonst. Ohne die gewohnte Ablenkung begannen meine Gedanken zu kreisen.
Wie oft greifen wir zu digitalen Geräten, wenn wir gerade nichts Bestimmtes zu tun haben – beim Warten, in einer Pause oder abends vor dem Schlafengehen? Manchmal möchten wir uns einfach entspannen oder auf andere Gedanken kommen. Daran ist nichts falsch. Interessant ist doch vielmehr die Frage, ob wir uns bewusst für diese Ablenkung entscheiden oder automatisch und unbewusst zum nächsten Inhalt greifen.
Irgendwann übermannte mich dann doch der Schlaf. Und obwohl mir das Einschlafen schwerer gefallen war, fühlte ich mich am nächsten Morgen erstaunlich erholt. Der Tag begann wieder wie gewohnt – mit Smartwatch-Wecker und Musik.
Was ich aus den 24 Stunden mitnehme
Mein Tag ohne Smartphone war unspektakulär. Es gab keine großen Schwierigkeiten, keine verpassten wichtigen Nachrichten und keine unangenehmen Zwischenfälle. Mein Alltag funktionierte auch ohne die gewohnten digitalen Helfer – zumindest für diese 24 Stunden.
Trotzdem habe ich einiges mitgenommen.
Das Experiment hat mir wieder einmal gezeigt, wie selbstverständlich digitale Geräte zu meinem Alltag gehören: Laptop, Smartwatch, Kindle und Co. Das Smartphone ist längst eine Art digitale Schweizer Taschenmesser: Wecker, Kalender, Kamera, Navigation und Kommunikationsmittel in einem.
Noch interessanter fand ich allerdings, was mir der Verzicht über meine Gewohnheiten gezeigt hat. Wie selbstverständlich ich Informationen abrufe. Und wie ungewohnt es sein kann, abends ohne digitale Ablenkung zur Ruhe zu kommen.
Ich beschäftige mich schon seit einigen Jahren mit einem bewussten Umgang mit digitalen Medien. Und trotzdem entdecke ich bei jeder Reflexion wieder Gewohnheiten, die ich hinterfragen möchte – oder bei denen ich merke, dass ich in alte Muster zurückfalle. Aber ich bleibe dran und versuche, digitale Medien (genau wie beim Essen 😉) möglichst vernünftig zu konsumieren und bewusst zu genießen.
Für meinen Alltag nehme ich mir deshalb vor, bewusster bei der Sache zu bleiben, wieder öfter zu einem gedruckten Buch zu greifen und meine bestehenden App-Einschränkungen zu überprüfen. Vielleicht lassen sich meine digitalen Gewohnheiten noch besser an meine Bedürfnisse anpassen.
Und beim nächsten Mal werde ich mich rechtzeitig mit Zeitung und Magazinen eindecken. 😉
Ob mir all das langfristig gelingt, wird sich zeigen. Aber das Experiment hat mir einen neuen Blick auf einige meiner ganz alltäglichen Gewohnheiten ermöglicht.
Möchtest du es selbst ausprobieren?
Wenn du es ausprobieren möchtest, überlege dir vorher, welche Geräte und Anwendungen du pausieren willst. Für mein Experiment habe ich nicht nur auf das Smartphone, sondern auch auf die private Nutzung anderer digitaler Geräte verzichtet. Berufliche Aufgaben waren davon ausgenommen.
Beobachte währenddessen, wann du normalerweise zum Gerät greifen würdest. Was möchtest du gerade tun? Suchst du Information, Unterhaltung, Ablenkung oder Verbindung zu anderen? Und wie fühlt es sich an, wenn du das Smartphone einmal nicht verwendest?
Es geht nicht darum, etwas richtig zu machen oder möglichst lange durchzuhalten. Es geht darum, den eigenen digitalen Alltag ein wenig besser kennenzulernen.
Dieses kleine Experiment verändert nicht gleich den ganzen Alltag – aber den Blick darauf.
Ich wünsche dir viel Spaß und spannende Erkenntnis beim Ausprobieren. Und wenn du meine Protokollvorlage dafür haben möchtest oder Fragen zum Experiment hast, melde dich gerne bei mir.
